Annette Seemann

Die Reformation in Jena und Weimar

Weimar und Jena werden seit langem als „Doppelstadt” bezeichnet. Anlässlich des 500. Jubiläums der Reformation 2017 soll an dieses kulturgeschichtlich einschneidende Ereignis, Persönlichkeiten und Erinnerungsorte in beiden Städten gedacht werden.

Der Reformator Martin Luther war elf Mal in Weimar und mindestens ebenso oft in Jena. Beim ersten Besuch Weimars am 28. und 29. September 1518 traf er Georg Spalatin. Im Austausch mit ihm und Philipp Melanchthon sollte Luther wenige Jahre später die Übersetzung des Neuen Testaments anfertigen; sie waren seit langem gute Freunde. Spalatin hatte als Geheimsekretär dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen Luthers Lehre vermittelt. Luther wohnt damals im Franziskanerkloster und predigt in der Schlosskirche Weimars, die leider nicht mehr erhalten ist. Er wendet sich gegen die Werkgerechtigkeit – der Christ war für ihn nur aufgrund der göttlichen Gnade und nicht seiner guten Werke gerechtfertigt. Ein Jahr zuvor hatte er seine radikalen reformatorischen Thesen veröffentlicht und befand sich auf dem Weg nach Augsburg, wo ihn der päpstliche Gesandte Cajetan verhören wollte. Spalatin berät Luther und informiert ihn über den aktuellen Stand seiner ‚causa’.

Luther bleibt offensiv: Bis 1525 verbreitet er 219 unterschiedliche Flugschriften, die auch öffentlich an den Straßenecken vorgelesen werden. Auch 1521, auf dem Weg nach Worms, wo er auf dem Reichstag vor dem Kaiser seine Lehre widerrufen soll, berührt Luther Weimar. Die Mönche im Franziskanerkloster haben über den Kurprinzen Johann Friedrich inzwischen Luthers Schriften erhalten und sich mehrheitlich zum neuen Glauben bekannt – die Bevölkerung Weimars samt vieler Hofbeamten ist ohnehin schon umgeschwenkt, und an vielen anderen Orten ist es ebenso.

Ein erstes Mal besucht Luther Jena am 3. März 1522 in seiner Geheimidentität als Junker Jörg. Unter diesem Namen übersetzt er seit mehr als einem halben Jahr in seinem Versteck auf der Wartburg das Neue Testament: Von Kaiser Karl V. in Worms auf dem Reichstag war er für vogelfrei erklärt worden, und nur die heimliche Entführung durch die Leute Friedrichs konnte ihn vor einem Anschlag retten. Auf dem Weg nach Wittenberg übernachtet er im Gasthof Schwarzer Bär, damals vor den Stadttoren. Die Reformation droht aus dem Ruder zu laufen, zahlreiche ihrer Anhänger radikalisieren sich gegen Luthers Willen. 

Am 18. Oktober 1522 ist er wieder in Weimar. Erst einen Monat lang ist seine Übersetzung des Neuen Testaments auf dem Markt. Diesmal soll er Streit zwischen dem ersten evangelischen Hofprediger Wolfgang Stein und den Franziskanern schlichten. Es geht um den Charakter der Messe: Ist sie ein Opfer oder ein Gedenkmahl? Erneut predigt er zweimal, diesmal auch in der Stadtkirche St. Peter und Paul: Die Kanzel bestieg er, lediglich wurde sie später barock umkleidet. Luther reist auch nach Erfurt, wo er studierte und später im Augustinerkloster Mönch war. Auf der Rückkehr ist er vom 23. bis 26. Oktober wieder in Weimar: Seine Weimarer Predigten sollten in seine politische Ethik eingehen, vor allem die wegweisende Schrift von 1523 Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei. Er widmet die Schrift Herzog Johann, dem Bruder Friedrichs des Weisen. 

Weimar wird der Verbreitungsort der Reformation, während Wittenberg das intellektuelle Zentrum bleibt. Auf seinen zahlreichen Reisen, die Luther zur Stärkung der Bibelkenntnisse der neuen evangelischen Pfarrer und zu Kirchenvisitationen durchführte, kommt er wiederholt in die Stadt. 

Nach Jena zieht ihn 1524 der Konflikt mit dem früheren Weggefährten Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, jetzt Pfarrer von Orlamünde, der Luther promoviert hatte.

Wieder wählt Luther die Predigt, um sich vom anwesenden Karlstadt zu distanzieren: der Ort ist die Stadtkirche St. Michael im historischen Zentrum, der wichtigste Erinnerungsort für Luther in Jena, denn hier gibt es nicht nur die steinerne Kanzel von 1500, von der Luther gepredigt hatte. Karlstadt ließ sich jedoch nicht bekehren, weiter ruft er zu Klosterplünderungen und Bildersturm auf. 1525, im Jahr des Bauernkriegs, ist auch das Jenaer Karmelitenkloster davon betroffen. Die Aufständischen werden durch Kurfürst Johann wenig später grausam gerichtet. Die Ereignisse überschlagen sich: Am 5. Mai 1525 verstirbt Friedrich der Weise. Zehn Tage später wird in der Schlacht von Frankenhausen der Bauernkrieg entschieden. Kurfürst Johann und Landgraf Philipp von Hessen töten 6.000 schlecht bewaffnete Bauern. In Weimar ist alles ruhig geblieben, es war neben Coburg, die einzige Stadt Thüringens, die sich nicht zu Gewalttaten hatte hinreißen lassen 

Ab sofort ist das Weimarer Schloss Schaltstelle der großen Politik. Und seit Weihnachten 1525 gilt im Herzogtum die neue lutherische Kirchenordnung mit den beiden zentralen Säulen: Predigt in deutscher Sprache, nicht mehr lateinisch, und Abendmahl in beiderlei Gestalt, Brot und Wein, für alle Gemeindemitglieder. Ab 1526 formieren sich in Deutschland erste Bündnisse der evangelischen Landesfürsten gegen die katholischen. 

Hans W. Schmidt: Einzug von Herzog Johann Friedrich dem Großmütigen in Weimar

Die Protagonisten sind Kurfürst Johann, später sein Sohn Johann Friedrich, und Philipp von Hessen. Das Bündnis der Reformatorischen nennt sich Schmalkaldischer Bund, und der Kampf wogt 20 Jahre lang hin und her. Erst ein Jahr nach Luthers Tod, 1547, kommt es mit der Schlacht bei Mühlberg zur Niederlage der Reformatorischen gegen die katholischen Truppen des Kaisers, der sich mit Moritz von Sachsen verbündet hat. Johann Friedrich verliert die Kurwürde und die Freiheit. 

Zahlreiche Kunstwerke und historische Schriften in Weimar und Jena zeugen von Luthers Wirken. Besonders eindrucksvoll ist die authentische bronzene Grabtafel für Luther in der Jenaer Stadtkirche, beauftragt von Johann Friedrich, entstanden in Erfurt, doch vorgesehen für Luthers Grab in Wittenberg. Während Luther tatsächlich in Wittenberg begraben wurde, gelangt jedoch die Grabplatte nie dorthin – in den Wirren nach dem verlorenen Schmalkaldischen Krieg verbietet der neue sächsische Kurfürst Moritz ihre Aufstellung in Wittenberg. 
Auch an Johann Friedrich selbst (im Volksmund: Hanfried) erinnert in Jena ein Ort, und zwar in seiner Funktion als Universitätsgründer: sein Denkmal auf dem Markt. Auch diese Gründung war mit dem verlorenen Konfessionskrieg verbunden, denn Johann Friedrich hatte darin die Landesuniversität Wittenberg eingebüßt, die sein Onkel Friedrich der Weise 1502 gegründet hatte. Ohne Landesuniversität war für den bildungsbewussten Herzog keine Weiterentwicklung seines klein gewordenen Fürstentums denkbar. Daher richtet er im ehemaligen Dominikanerkloster zunächst eine hohe Schule ein, das Collegium Jenense, um 1558 die „Salana“ als Volluniversität dort zu gründen. Am Platz des heutigen Hauptgebäudes der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität am Fürstengraben stand bis 1905 noch das ruinös gewordene Jenaer Schloss, in dem auch Luther als Gast des Herzogs oft übernachtete. 

Die Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek bewahrt eine kostbare Bibelsammlung mit zahlreichen Zimelien, darunter die erste deutsche Vollbibel, gedruckt von Hans Lufft von 1534. Leicht hätte sie im September 2004 beim Brand der Bibliothek ein Raub der Flammen werden können, wurde jedoch durch den mutigen Einsatz des Bibliotheksdirektors Michael Knoche gerettet. Auch ist Weimar eine wichtige Cranach-Stätte, denn sowohl Werke des älteren Lucas Cranach wie seines Sohns Lucas Cranach, d.J., beide mit Luther befreundet, finden sich hier. Die Cranach-Galerie im Schlossmuseum zeigt ein Doppelporträt des Reformators und seiner Frau Katharina von Bora, und in der Stadtkirche St. Peter und Paul sieht man das bedeutendste Programmbild der Reformation von der Hand des jüngeren Cranach, den Weimarer Cranach-Altar. Die Stadtkirche ist zur Hauptkirche der ernestinischen Fürstenfamilie geworden. Diese beauftragt Cranach nach dem verlorenen Krieg, ein Altargemälde zu schaffen, das den Glauben, für den dieser Krieg verloren wurde, rechtfertigt. Das Bild schafft der begabte Sohn des treuen Cranach, der seinem Fürsten Johann Friedrich auf dessen Wunsch in die kaiserliche Gefangenschaft und am Lebensende nach Weimar gefolgt war. Auf dem Bild sind entscheidende Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament dargestellt. Das Gnadenblut aus der Wunde des Gekreuzigten trifft Lucas Cranach und Martin Luther, die beide auf der Mitteltafel dargestellt sind, während die ernestinische Familie auf den Seitenflügeln als fromme Stifter gezeigt wird.