Annette Seemann

Reformation und Klassik

1756: Die junge hochgebildete evangelische Braunschweig-Wolfenbütteler Prinzessin Anna Amalia heiratet 16-jährig in Weimar ein. Zwei Jahre später ist sie Witwe, Mutter zweier Knaben und Obervormünderin für diese. Sie regiert und tritt gleichzeitig eine Kulturentwicklung los, die ihresgleichen in Deutschland sucht. Mit Einrichtung einer öffentlich zugänglichen Bibliothek, freien Theaterbilletts für die Bürger, der Berufung des Philosophen und Schriftstellers Wieland zum Erzieher ihrer Söhne stellt sie Weichen. 

Ihr Sohn Herzog Carl August erreicht es 1775, den genialen Verfasser des Werther, den Frankfurter Dichter Goethe, 26 Jahre jung, nach Weimar zu holen. Die Zeit ist im Umbruch, man spricht nicht mehr nur französisch, man diskutiert über alles. Es gibt Zeitschriften, die Debatten anführen, so Wielands Teutscher Merkur, sie schießen wie Pilze aus dem Boden, und die Religion rückt in den Hintergrund. Das Individuum, seine persönliche Verantwortung, seine Bildung – seine „Aufklärung“ stehen im Vordergrund. Wissenschaftliche Entdeckungen, die Bedeutung der Antike für die Zeitgenossen und politische Fehlentwicklungen gerade in Frankreich, bisher das Vorbild, schärfen den Blick. Anna Amalia und Carl August umgeben sich nicht nur mit Adligen wie die Fürsten vor ihr, sie lassen alle Gebildeten, die Künstler und Professoren von Jena zu, und ihre Hofleute sind Menschen der Künste, die auf ihren Wunsch ein Liebhabertheater betreiben.

Man ist gesellig, und auch Frauen spielen jetzt eine Rolle. Goethe wirkt mit, versteht und kann einen Weggenossen aus Straßburger Studienzeiten, Johann Gottfried Herder, schon 1776 als Superintendenten, also obersten Pfarrer des Fürstentums, aber gleichzeitig auch für das Schulwesen im Fürstentum verantwortlich, nach Weimar holen. 

Herder schreibt wie Goethe und er ist Geschichtsphilosoph, er entwickelt den komplexen Begriff von den Lebensumständen eines Volkes insgesamt als ihrer Kultur, wie wir ihn kennen. Er sieht alle Völker als gleichrangig an im Sinne einer göttlichen Schöpfung, die keine Unterschiede macht, und er predigt die Worte der Bibel in humanster Weise. Gleichzeitig sieht er sich in Luthers Nachfolge. Das kommt in Weimar gut an, wenngleich Goethe wie Carl August den Gottesdiensten zumeist fern bleiben. Ihre Haltung ist fast pantheistisch zu nennen: Gott offenbart sich in allem, was uns umgibt. Dieses sollen wir würdigen und immer besser erkennen. Diese Haltung breitet sich nach der Französischen Revolution 1789 und der Lektüre der Schriften Immanuel Kants (ab 1781 entstanden) stark aus. Inzwischen ist auch Friedrich Schiller in den Weimarer Dunstkreis gerückt, liest an der Universität Jena über Kant und entwickelt dessen Gedanken zu einer eigenen objektiven Ästhetik.

Anders als in Frankreich begehrt man in Weimar also nicht politisch auf, sondern versucht Moral und Ästhetik philosophisch zu verschmelzen. Fürst Carl August ist aufgeklärt tolerant und bemüht sich um Umsetzung. Auch die zahlreichen Zeitschriften, die in Jena und anderswo erscheinen, verhelfen den Menschen zur Emanzipation, zu einem anderen Selbstbewusstsein. Schiller wie Goethe verlangen eine Annäherung der Stände im Sinne einer Verbürgerlichung des politisch-ökonomischen Lebens. Mit ihrer Freundschaft wird ab 1794 bis zu Schillers frühem Tod 1805 ein Arbeits- und Seelenbündnis geschlossen, das seinesgleichen in der Geschichte sucht. 

Das Doppeldenkmal auf dem Weimarer Theaterplatz ist ehrender Ausdruck dessen, wie auch generell die „Mode“, einem Dichter im öffentlichen Raum ein Denkmal zu errichten (und nicht nur einem Herrscher oder Feldherrn) eine deutsche Erfindung war, die im 19. Jahrhundert nach Schillers leidvollem Tod aufkam. Ihm, der das deutsche Volk, uneins politisch, doch im Sinne geistiger Freiheit geeint hatte, gebührte eine quasi-religiöse Verehrung. Mit Recht hat man die Erfindung der „Kunst-Religion“ des 19. Jahrhunderts in Weimar-Jena verortet.