Klaus Schwarz

Reformation und Romantik

Die Frühromantiker waren mit Ausnahme von Brentano protestantisch geprägt. Erzogen im Geist der Aufklärung, wurde das Nachdenken über Gott zu einem Teil der Reflexion des Menschen über sich selbst. Das Christentum bekam im Zeitalter der Aufklärung, welches über Rechte und Freiheiten des Individuums stritt, besondere Bedeutung. Es war die Religion des für sich existierenden Menschen, der sich mit einem himmlischen Vater verbunden sah. Die Aufwertung des Individuums führte zu einer teilweisen Gleichsetzung des Menschen mit Christus. Goethes „Prometheus“ etwa trotzt als selbstbewusster schöpferischer Einzelner den Göttern und wird damit zum Beispiel der Säkularisation von Religion. Auch die Verwarnung des Philosophen Fichte seitens der Landesregierung wegen angeblicher atheistischer Äußerungen ist ein Hinweis auf die Wirkung von säkularen Philosophien. In dem folgenden „Atheismusstreit” solidarisierten sich die Frühromantiker mit Fichte. Novalis etwa empörte sich über die „Unterdrückungsplane [...] unserer Regierungen und Pfaffen“. Seine Kritik hatte den Boden der orthodoxen Theologie längst verlassen und war wesentlich von Friedrich Schleiermacher inspiriert.

Dessen Reden „Über die Religion“ von 1799 ergänzten Fichtes Ich-Lehre von theologischer Seite. Religion war für ihn ein Verbundensein mit einer höheren Welt. Er erklärte: „Nicht der hat Religion, der an eine Heilige Schrift glaubt, sondern, welcher keiner bedarf und wohl selbst eine machen könnte.“ Der kritischen Auseinandersetzung mit dem Protestantismus und Luther widmete sich Novalis in seinem Aufsatz „Die Christenheit oder Europa“. Die als poetisches Bild beschworene mittelalterliche Einheit unter dem Schirm einer vereinigenden Kirche zerfalle durch die „Vertrocknung des heiligen Sinns“ mit der Reformation und mit dem Beginn der Aufklärung. Die Autorisierung der Bibel zur alleinigen Grundlage des Glaubens durch Luther lässt aus der Religion Philologie werden, trennt den Gelehrten vom Geistlichen. Die Kritik an der Reformation wurde zur Kritik an Tendenzen der Aufklärung. Dennoch betrachtete Novalis die Reformation als „für ganz Europa bedeutend“, mündete sie seiner Meinung nach doch in eine neue Denkungsart. 

Stadtkirche St. Michael Jena

Die Kritik der Frühromantiker an der Reformation lutherischer Prägung und an bestimmten Tendenzen der Aufklärung führte bei ihnen letztlich zu einer „Reformation der Reformation“ und einer „Aufklärung der Aufklärung“ ohne dabei den Boden der kritischen Vernunft zu verlassen. Sie wollten Religion und Vernunft versöhnen und entwickelten den Vorstellungsraum einer „Kunstreligion“. In einem Brief an Dorothea Veit schrieb Friedrich Schlegel, er könne nur das für Religion gelten lassen, „... wenn man göttlich denkt und dichtet und lebt, wenn man voll von Gott ist; wenn ein Hauch von Andacht und Begeisterung über unser ganzes Sein ausgegossen ist; wenn man nichts mehr in der Pflicht, sondern alles aus Liebe tut ...“

Die Entwicklung der „neuen Religion“ ist für die Frühromantiker ein innerer Vorgang, der sich zwar im Gemüt abspielt, aber auch die Außenwelt verändert. Der Protestant Philipp Otto Runge schrieb in einem Brief: „Ich weiß es gewiss, dass jetzt eine ganz neue Kunst entstehen muss.“

Das führte er an anderer Stelle aus: „Die Religion ist nicht Kunst; die Religion ist die höchste Gabe Gottes, sie kann nur von der Kunst herrlicher und verständlicher ausgesprochen werden.“ In den „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ bei Wilhelm Heinrich Wackenroder heißt es: „Ich vergleiche den Genuss der edleren Kunstwerke dem Gebet.“

Diese „Kunstfrömmigkeit“ der Frühromantiker entsteht in der kritischen Aneignung von aufklärerischen Ideen zur Selbstbestimmung des Individuums und säkularer Philosophien, die Religion als Studienobjekt betrachten. Das christliche Europa ist Ausgangspunkt religiöser frühromantischer Haltungen und die Reformation ein wichtiger Impulsgeber und Polarisationspunkt frühromantischer Kunstkonzepte.